Ist die inklusive Schule Realität oder Ideal?
Wie inklusiv unsere Schulen tatsächlich sind und was es braucht, damit Teilhabe für alle Kinder gelingen kann. Dieser Frage geht eine hochkarätige Runde aus Inklusion, Bildung und Politik nach. Sie diskutiert, analysiert und stellt Forderungen.
Das System soll sich den Kindern anpassen

Unterschiedliche Perspektiven, ein Thema.
Damian Haas ist Redaktor und Moderator. Und er betreibt den Podcast «Bildungsreise». Als ehemaliger Lehrer weiss er, was beim Thema Bildung klappt und wo der Schuh drückt. Nun hat er sich an das Thema inklusive Schule herangewagt. Mit Franziska Roth. Sie ist Ständerätin, ehemalige Heilpädagogin und Präsidentin der Stiftung Denk an mich. Dazu Saphir Ben Dakon, Inklusions- und Kommunikationsexpertin sowie Vizepräsidentin von Agile. Auch sie ist Stiftungsrätin der Stiftung Denk an mich. Der Dritte im Bunde ist Manuel C. Widmer. Er ist Primarlehrer, Grossrat und Präsident von Bildung Bern. Gemeinsam sind sie in einem Live-Bildungsreise-Podcast der Frage nachgegangen, wie inklusiv unsere Schulen tatsächlich sind.
Was braucht es, damit Teilhabe für alle Kinder gelingen kann? Die Grundidee ist klar: Nicht die Kinder sollen sich dem System anpassen, sondern das System den Kindern. Doch genau hier beginnen die Herausforderungen der Umsetzung.
Inklusion als Auftrag des gesamten Bildungssystems

Saphir Ben Dakon, die mit Behinderungen lebt, brachte Kanada als gutes Beispiel für inklusive Schule ins Spiel.
Saphir Ben Dakon ging als Kind in die Sonderschule. «Ich bin damals separiert worden, man wollte mich gar nicht inkludieren», sagt sie. Schon damals bemerkte sie, dieses System passt nicht nur für sie nicht, sondern für ganz viele. In der Diskussion schärft die Begriffe: Während Integration einzelne Kinder in bestehende Strukturen einbindet, versteht sie Inklusion als Auftrag an das gesamte Bildungssystem.
Die Schweiz habe weniger ein Wissens- als ein Umsetzungsproblem. Kritisch sieht sie die parallelen Systeme von Regel- und Sonderschulen. Diese würden Ressourcen binden und echte Inklusion erschweren. Ebenso problematisch sei die Tendenz, Menschen mit Behinderungen für die Überforderung des Systems verantwortlich zu machen. Stattdessen müssten strukturelle Defizite in den Blick genommen werden.
Haltung zeigen

Franziska Roth macht sich schon lange stark für eine starke Bildung.
Franziska Roth macht deutlich, dass Inklusion mit einer Haltung beginnt: Jedes Kind gehört dazu und hat ein Recht auf Bildung und Teilhabe. Schon früh in ihrer politischen Karriere entschied sie sich dafür, die Gleichstellung in der Bildung zu einem ihrer Steckenpferde zu machen. Politisch gehe es darum, die nötigen Rahmenbedingungen für eine inklusive Schule zu ermöglichen. Dazu müssten Forderungen an den Bund, an die Kantone und die Gemeinden gestellt werden. Denn eine inklusive Schule sei nicht «nice to have, sondern need to have.» Dafür kämpft sie.
Die oftmalige Dominanz der Geldfrage bei politischen Debatten kritisiert sei. Damit würden die Bedürfnisse der Kinder in den Hintergrund geraten. Gleichzeitig fordert Roth mehr Vertrauen in die Professionalität und Fachkompetenz der Lehrpersonen sowie in die Erkenntnisse der Bildungsforschung.
Eine Frage der Ressourcen

Marc C. Widmer. Der Mann der ganz nahe dran ist.
Manuel C. Widmer bringt die Perspektive aus dem Klassenzimmer ein. Als Lehrer kennt er die Chancen, aber auch die Grenzen integrativer Bildung. Er sagt, sein Unterricht sei seit zehn Jahren inklusiv, weil: «Egal, wer bei mir im Schulzimmer steht, alle bekommen das, was sie brauchen.» Die sozialen Spannungen in einer Klasse beschreibt er als eine der grossen Herausforderungen. Er beschreibt einen Schulalltag, der von zunehmender Heterogenität, Fachkräftemangel und steigenden Anforderungen geprägt ist.
Für ihn steht fest: Inklusion kann gelingen – braucht aber ausreichend Ressourcen, qualifizierte Fachpersonen und tragfähige Rahmenbedingungen. Sein Wunsch an die Schule von morgen: «Dass die Last nicht alleine auf der Schule liegt, dass das ganze System so umgebaut wird, dass alle zusammen diesen Weg gehen können.» Da sei insbesondere die Politik gefragt.
Vielfalt ist eine Bereicherung für alle

Jeremi und sein Cello sorgte für hochstehende Musik beim Live-Podcast.
Jeremis Sprache ist die Musik. Er lebt mit Trisomie 21.
Zum Schluss wird deutlich: Inklusion ist weit mehr als eine schulische Frage. Sie betrifft auch den Arbeitsmarkt, die Politik und letztlich unser gesellschaftliches Zusammenleben. Saphir Ben Dakon, die selber mit Behinderungen lebt, sagt: «Mein Wunsch ist, dass wir anerkennen, dass Lehrpersonen und Menschen mit Behinderungen vom gleichen System behindert werden.» Sie und die anderen Podiumsgäste sind sich einig, dass Inklusion Zeit, Ressourcen und politische Verantwortung braucht. Vor allem aber braucht sie die Überzeugung, dass Vielfalt kein Hindernis, sondern eine Bereicherung für alle ist.
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Inklusion? Integration? Was genau ist der Unterschied? Am schönsten zeigt es diese Grafik. Trotzdem noch einmal in Worten. Bei der Inklusion sollen sich nicht die Kinder dem System anpassen, sondern das System den Kindern.
Bilder: zVg