«Wir wollen Normalität schaffen»
Die Nachfrage nach Zugänglichkeit wächst und mit ihr die Aufgaben der Stiftung Denk an mich. Geschäftsführerin Sara Meyer erlebt in ihrer täglichen Arbeit, dass im Freizeit- und Individualreisebereich immer mehr Menschen mit Behinderungen unterwegs sind und Angebote nutzen wollen.
«2025 war ein anspruchsvolles Jahr, weil wir mit einer ständig wachsenden Nachfrage umgehen mussten», erzählt Sara Meyer. Besonders im Individualtourismus habe sich dies deutlich gezeigt. «Man merkt, dass Menschen unterwegs sind, Ferien machen, Freizeitangebote nutzen und vor allem wissen, dass wir uns für die Zugänglichkeit dieses Bereichs einsetzen.»
Dass sich immer mehr Menschen an die Stiftung wenden, ist für Sara Meyer kein Zufall. «Das Bewusstsein ist heute grösser. Organisationen und Institutionen merken zunehmend, dass sie Verantwortung tragen.» Gleichzeitig sei die Community präsenter geworden. «Immer mehr Menschen mit Behinderungen ergreifen das Wort und fordern ein.» Diese Entwicklung sei wichtig. «Der Druck ist höher. Und das ist gut so.» Für Sara Meyer zeigt sich darin eine Dynamik, die Veränderungen ermöglicht: weg von freiwilligen Einzelinitiativen, hin zu einer breiteren gesellschaftlichen Verantwortung.
Ein zentrales Thema für die Stiftung in den kommenden Jahren ist der Dialog mit Selbstbetroffenen. «Wir möchten noch viel fokussierter von den Bedürfnissen ausgehen», sagt Sara Meyer. Bisher seien Gesuche eingereicht und geprüft worden. «Jetzt stellen wir uns vermehrt die Frage, wie wir noch näher heranzoomen können.» Dabei gehe es nicht darum, Bewährtes einfach weiterzuführen. «Wenn man Menschen mit Behinderungen einbezieht, merkt man oft, dass viele Angebote gar nicht bekannt sind oder dass zu viele Dinge parallel laufen.» Künftig solle stärker priorisiert werden – ausgehend von dem, was tatsächlich gebraucht wird.
In ihrer Arbeit begegnet Sara Meyer immer wieder der Vorstellung, Inklusion betreffe nur wenige. «Dabei gehen wir davon aus, dass mindestens ein Viertel der Menschen selbst betroffen ist.» Rechnet man Angehörige dazu, sei ein grosser Teil der Gesellschaft involviert. «Viele Menschen sind von fehlender Zugänglichkeit betroffen. Oft, ohne sich dessen bewusst zu sein.» Dabei entstehen die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens. Die Bedürfnisse der Menschen verschwänden dadurch nicht. «Aber häufig verändert sich der Blick der Gesellschaft und genau dort müssen wir ansetzen.»
Für Sara Meyer ist der Bereich Ferien und Freizeit zentral. «Wenn wir dort, wo Menschen entspannt sind, keine Normalisierung erreichen, wo dann?» Freizeit ermögliche Begegnungen ohne Druck. Genau darin sieht Sara Meyer den Kern der Arbeit der Stiftung Denk an mich: Bedingungen zu schaffen, in denen Teilhabe selbstverständlich wird. «Wir haben im Freizeitbereich eine grosse Chance, Berührungsängste abzubauen und Normalität zu ermöglichen.» Eine Normalität, in der Menschen sich begegnen – ganz einfach als Menschen.
Radiobeitrag
Radio SRF 1
Im Dialog mit Selbstbetroffenen
Bildquelle: SRF/Oscar Alessio